Thomas Manegold: Stammkneipenmonolog 2

Don Manegold
Don Manegold

Er winkte, als ich zur Tür reinkam. Ich war übermüdet, unterzuckert und voll auf Koffein. Er auf dem Sprung in den Abgrund der Normalität, der sich gerade vor ihm auftat und weswegen er mich in die Kneipe bestellt hatte. So zum Quatschen, von Kollege zu Kollege.
„Du machst das doch schon länger“
„Was meinst du?“
„Na das mit dem Schreiben und Auftreten:“
„Kann sein, ja, aber auf Länge kommst doch nicht an.“
Mein Gegenüber verstand den platten Witz nicht, mit dem ich mich auf unsere gemeinsame Umgebung eingrooven wollte. Der schlaksige Mann um die 30 sah mich fragend an und ich wusste, dass ich bei ihm mit subtiler Ironie nicht weiterkommen würde. Ich kannte ihn nur flüchtig, wusste nur, dass er  sein erstes Buch geschrieben hatte, das keiner kaufte. Und damit ging es ihm wie vielen Menschen auf dieser Erde.
„Was kann ich tun…“
„Na, schreiben und auftreten.“
„Das tue ich doch schon, aber mich lässt niemand“
„Was denn nun. Machst du es oder lässt dich niemand.“
Ich hatte Regel Nr. 1 vergessen: Frage zu Beginn eines Gesprächs immer gleich nach, ob Du das Problem lösen sollst oder ob nur darüber geredet werden soll.
Er meinte, dass er es ja wolle, das Autorenleben und den Erfolg, und er wäre bereit, dafür auch etwas zu tun, er wüsste eben nur nicht, was. Das erste, was er in seiner Heimatstadt gemacht habe, war, die Zusammenarbeit mit anderen Autoren zu suchen. Eine gemeinsame Plattform hochziehen. Ich musste unwillkürlich an die eine Plattform denken, die BP gehörte und die vor ein paar Monaten im Golf von Mexiko brannte, winkte dem Barkeeper und bestellte erstmal einen Kaffee. Schwarz.
„Also. Regel Nummer 2: Umgebe dich als unbekannter Autor mit anderen Autoren, die auch keine Leser haben, dann…
Er nickte bestätigend. So wie eben auch Protagonisten in Büchern nicken müssen, wenn sie gerade nicht reden dürfen und keine Zigarette parat haben.
…dann geht’s auf jeden Fall schief, aber das hab ich Dir schon am Telefon erzählt. Kooperationen mit anderen Autoren ist ein Luxus für Schreiber, die genug Leser haben.“
Eine faltige Hand, die aus einem manschettenbeknopften Hemdsärmel ragte, stellte mir den dampfenden Kaffee vor die Nase. Auch ich nickte bestätigend und predigte weiter:  „Kümmere dich nicht um die anderen Erfolglosen, sondern kümmere dich um Deine Leser!“
Das schien ihm nicht zu gefallen. Denn er sagte die berühmten zwei Worte, die ich gar nicht leiden kann: „Ja, aber…“
Ja, aber… ist weniger als ein Füllwort, es ist der Furz der nicht stinkt, der Tropfen auf den kalten Klostein! Ja, aber ist etwas für zwanghaft Harmoniebedürftige. Ja, aber ist eine Lüge in Verbindung mit einem Komma und der Aufforderung, zuzuschlagen.  Ja, aber ist der Grund dafür, dass diese Welt in einem Wischiwaschi-Chaos versinkt und wir es niemals bis zum Mars schaffen werden. Es gibt eine Abkürzung für Ja, aber… und die beginnt mit und hört mit n auf.
Der Jungautor hatte offenbar vor, den Sack zuzumachen. Denn er  sagte nicht nur „Ja, aber…“ sondern die einzige Wortansammlung, die diese Unsäglichkeit an Unsäglichkeit zu übertreffen vermag:  „Ja, aber… das… Problem… ist…“
Nein, nein, nein, das geht sowas von gar nicht, wie kann er sowas sagen! Man kann nur einen einzigen Satz mit „Das Problem…“  am Satzanfang bilden und der geht immer und ausschließlich mit „bin“ weiter, also mit der 1. Person Singular von sein.   Nur ich, ich darf die zweite Person Singular von sein verwenden Das Problem bist … aber niemals  darf man das b vergessen.  Regel Nummer 25: Nach Das Problem … kommt immer ein B! immer immer immer.  Und niemals ein I. Das Problem bin ich. Das Problem bist Du. Und dann kann man es einfach ausmerzen. Meinetwegen auch mit Waffengewalt.

„Ja, aber, das Problem ist,  dass die Leser kein Interesse haben. Es ist ihnen zu tiefgründig, sie verstehen mich nicht, wollen wohl eher leichte Kost…“
Was für ein arroganter…
„Riccardo… “ Ich redete ihn mit seinem ersten Pseudonymvornamen an. Horst brachte ich einfach nicht über meine Lippen. „Regel Nummer 3: Unterschätze niemals dein Publikum. Nur die Dummen meinen sich schlauer als die anderen. Und Regel Nummer 4: Du musst dem Leser etwas anbieten. Ihn inspirieren. Nicht nur Dein Buch anpreisen. Regel Nummer 5: Mach einen Blog, Regel Nummer 6: Schreib eine Kolumne. Versorge die Welt mit Inhalten, nicht mir Werbeslogans. Geh auf Lesebühnen oder gründe deine eigene. Was weiß ich – Regel Nummer 7, 8 und 9: Bitte nimm dich dabei nicht so wichtig.
Nun begann Riccardo mein Regelwerk auseinanderzunehmen. Und Gegenargumente vorzubringen.  Ich nahm mir vor, beim nächsten Autorengespräch die Regeln in Gebote umzubenennen und in Stein zu meißeln.
„Riccardo, es gibt drei Menschengruppen, mit denen niemand reden will. Menschen, die nur von sich reden. Menschen die nur Jammern und Vertreter im Außendienst. Und wenn Du entweder erwartest, dass sie die Fresse halten und Dir zuhören oder etwas Kaufen, dann bist Du nichts anderes,  dann werde doch einfach Staubsaugervertreter…“
Ok, das war jetzt wirklich gemein, doch er hatte es verdient. Im Grunde gehörte er zu allen drei Menschengruppen, die ich ihm vorgebetet hatte.
„Ja, aber … ich höre ihnen auch zu, gerade bei den letzten beiden Lesungen habe ich viel interessantes Feedback bekommen. Und in manchen Dingen teile ich die Kritik sogar, aber eben nicht alle. Ich will versuchen aus all dem Gesagten einen guten Mix zu finden, der mir gefällt.“
„Das wird nicht funktionieren“, brummelte ich.
„Sagst du!“, keifte er – und ich wusste, dass ich noch nicht gemein genug zu ihm gewesen war. Ich schaute in meine leere Tasse und bereute, kein Bier bestellt zu haben. Und Riccardo nuckelte an seinem Becks und schien wirklich zu glauben, was er da sagte: „Ja, aber man muss doch immer einen Kompromiss finden zwischen…“

„Nein Riccardo, wenn es darum ginge, ob dir lange Haare oder kurze Haare besser stehen, machst du dir doch auch keinen Pagenschnitt…“
Jetzt, gleich zieht er an seinem Zopf und die Perücke fällt… und dann sieht er aus wie Mireille Mathieu, befürchtete ich.
Aber Riccardo warf seine sorgfältig zusammengebundenen 30 cm Echthaar nur nach hinten und meinte, dass man das so nicht sehen könne und jeder seinen eigenen Weg suchen müsse. Und ich doch sehr diktatorisch auf meiner Meinung beharren würde, ja außer dieser Wahrheit nichts gelten ließe.
In meinen Halsschlagadern summte bereits das Blut ein Lied von Tod und Vergeltung.
„Versuchs mal anders rum, Riccardo, denk mal über die Dinge nach, die dir bei den Aussagen über dich und deine Texte nicht gefallen.“ Ich versuchte, mir seinen lieblosen, diktatorischen, auf seiner Meinung beharrenden Vater vorzustellen und in diese Rolle zu schlüpfen. „Ich bin weder diktatorisch noch beharre ich auf meiner Meinung!“ Jetzt hatte ich ihn zum ersten Mal angelogen, aber es war bestimmt für eine gute Sache. „Ich weiß nur ultimativ, dass man den Weg nur gehen kann…“ redete ich weiter auf ihn ein. „Man kann mit dem Weg keine Dinge anstellen, die du mit ihm machen willst, Riccardo. Suchen… Finden… Ausloten… Alles Quatsch. Man muss ihn gehen. Welchen, das ist dein Bier. Aber gehen musst du ihn. Solange du ihn nicht gehst, sondern drüber redest, wird das nix. Über das Praktizieren lasse ich nicht mit mir reden. Das ist das mein heiliges Prinzip. Ohne Doing kein Learning. Aber was man doot und was man learnt, das ist auch in meinem Weltbild reine Privatsache.“
Von den Nebentischen kamen nun erste Blicke herüber. Verwunderte, sich gestört fühlende und böse Blicke waren dabei. Riccardo war gerade bei seinem wichtigsten Argument angekommen. Wenn der Weg nicht zum Erfolg führe, was dann…
Damit sprach er die wichtigste Regel an, die es gab. Regel Nummer 10: „Erfolg ist immer das Nebenprodukt, niemals das Ziel. Und Erfolg ist Ansichtssache und hat sehr viel mit Glück zu tun. Außerdem sind Menschen, die Kunst nur machen, um das Defizit an Aufmerksamkeit aus ihrer Kindheit zu kompensieren, immer unglücklich. Schlagende Eltern und grausame Klassenkameraden sind ein prima Motor. Und die Welt wäre ohne uns Borderliner definitiv nicht zu retten. Aber wer der Welt nichts mitzuteilen hat, sollte den Mund halten. Und wer Aufmerksamkeit und Liebe bekommen will, kriegt die für 50 EUR an jeder Ecke. Und wenn er 250 EUR auf einmal investiert, kann er sich auch  einen Hund kaufen.“
Gut, der Spruch mit dem Hund war von meinem Psychologen. Aber das saß. Kein Ja, kein Aber. Geil.
Stattdessen ein hasserfüllter und zugleich verzweifelter Blick.
Und die Frage, ob ich immer so radikal… „Ja bin ich.“
Ob das nicht schädlich für … „Nein ist es nicht.“
Ob man damit nicht die Leute vergraule… „Nein man selektiert damit erfolgreich die falschen aus.“
Aber es nähme einem die Luft zum… „Gleiches Recht für alle. Ich leide unter mir mehr als du, Riccardo…“

„Hmm, schalt mal runter“, meinte er.
Da hatte er ausnahmsweise mal recht.
Ich winkte dem Barkeeper und bestellte noch einen Kaffee.
„Runterschalten geht nicht,  Riccardo, denn es ist zwar leicht, als Paradiesvogel zu erkennen, dass die Frequenz des eigenen Flügelschlags zu hoch ist und man dabei wohl drauf geht. Aber es ist schwer, die Frequenz des Flügelschlags zu senken, ohne dabei abzustürzen. Denn man hat nur einen Versuch, schließlich ist man ist ja nur ein komischer Vogel und keine Katze mit sieben von den Dingern, die man Leben nennt.“
„Ich hab da ne andere Lebensphilosophie“, sagte Riccardo.
„Welche?“, hätte ich eigentlich fragen müssen, denn Riccardo schien das nicht nur zu erwarten, er bettelte darum. Ich tat es aber nicht, denn ich kenne die sogenannte Philosophie solcher Vögel.  Konsens, Demokratie, Toleranz, Vernunft.
Aber Konsens ist der Weg in den Abgrund. Der gemeinsame Nenner ist das uninteressanteste zwischen zwei Menschen. Demokratie ist etwas für Leute, die keine Verantwortung übernehmen wollen. Toleranz ist Heuchelei. Und Vernunft ein anderes Wort für Depression. Die Welt ist voll von solchen Kleingeistern. Ich will nicht nur dann reden, wenn mir einer von denen einen Schaumgummiball an den Kopf wirft.
„Dieses Bild vom Vogel, der kolibrimäßig rumschwirrt, Riccardo, das ist keine Lebensphilosophie, das ist so ein Zustand, den man sich nicht aussucht. Deshalb geht man aus Käfigen weg und raus in die Welt. Und sucht nach einem Ort, wo man sein kann. Man schaut sich die Spatzen an, die auf der Straße wohnen und in Händen enden. Und die Tauben, die auf Dächern sitzen. Und die Nandus, die gegessen werden und die Hühner, die Eier legen – und die gestörten Kanarienvögel und Wellensittiche mit gestutzten Flügeln, Wasserbehälter und Kornfutterspender im ausgepolsterten Käfig mit quietschender Schaukel. Und manchmal würde man gern so ein Wellensittich sein, Aber eben nur manchmal.“
Gesagt getan. Ich legte einen Zehner auf den Tisch und stand auf, um den Käfig zu verlassen.
„Ich denke mal über deinen Vorschlag nach“, resümierte Riccardo.
Mach das, denke ich, Staubsauger verkaufen ist auch gar nicht so schlecht.

(OWUL.txt: Thomas Manegold „Stammkneipennonolog 2“)

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Autor: Silbenstreif

Silbenstreif Label und Studio Berlin

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